Ein Sohn vieler Väter

Oliver Plaschkas historischer Roman "Marco Polo - Bis ans Ende der Welt"

Den Namen kennt wahrscheinlich jeder: Marco Polo nennt man in einem Atemzug mit Kolumbus, auch wenn seine historische Leistung nicht in der Entdeckung, sondern der ausführlichen Beschreibung eines weit entfernten, aber seit langem bekannten Reiches lag.

Doch war Marco Polo wirklich in China und am Hof des Mongolenherrschers Kublai Khan? Oder hat er bloß aus fremden Quellen abgekupfert und den Rest erdichtet?

Mit dieser Ambivalenz spielt Oliver Plaschka in seinem Roman "Marco Polo - Bis ans Ende der Welt" (erschienen bei Droemer, November 2016). Marco Polo diktiert dem Schriftsteller Rustichello da Pisa in ihrer gemeinsamen Haft seine Lebensgeschichte: die jahrelange, gefahrvolle Reise zusammen mit Vater und Onkel quer durch Asien, die Audienz beim Khan, seine Tätigkeit für ihn als Statthalter und die verbotene Liebe zu dessen Tochter Kokachin. Nicht nur Rustichello zweifelt immer wieder am Wahrheitsgehalt der Erzählung, auch ich selbst stelle mir die Frage, was historisch belegt ist, was Polo hinzu erfunden hat und was der künstlerischen Freiheit des Autors entspringt. "Ich alleine entscheide, was die Wahrheit ist", weist Polo die Kritik seines Mitgefangenen zurück, er verheimliche und schmücke aus, wie es ihm beliebe. Für den Leser ist das natürlich ein Glück, denn dadurch kommen spannende Handlungsverläufe und überraschende Wendungen hinzu, die in dem als "Il Milione" bekannten Reisebericht Polos nicht enthalten oder nur angedeutet sind. Plaschka hat hier keine Nacherzählung abgeliefert, sondern ein ganz und gar eigenständiges Werk, das die zeitlich und räumlich zerfaserte Handlung durch langsam aufgebaute Konflikte und einen geschickt verwobenen Metaplot zu einem geschlossenen Ganzen vereint.

Dabei tritt Oliver Plaschka als Erzähler in den Hintergrund. Es ist Marco Polo, der die Geschichte erzählt, in seiner eigenen gepflegten, zeitgenössische Sprache, nicht in der spielerisch-magischen Ausdrucksweise Plaschkas, die ich aus dessen früheren Werken kenne. Das ist ein bisschen schade, denn natürlich hatte ich mit einer entsprechenden Erwartungshaltung zu lesen begonnen. Aber vielleicht war diese Erwartung auch unrealistisch: Plaschka verlässt mit "Marco Polo" den Pfad der Phantastik und wendet sich einem neuen Genre und damit einer neuen Zielgruppe zu. Ein historischer Roman muss sich im Ton zwangsläufig von einer Fantasy-Geschichte unterscheiden.

Neben den Kapiteln, die die relevanten Ereignisse ausführlich behandeln, gibt es auch solche, in denen längere Zeiträume zusammengefasst werden. Das ist jedesmal ein auffälliger Einschnitt. Aber wie hätte Oliver Plaschka vierunddreißig Jahre Handlungszeit anders auf gut achthundert Romanseiten unterbringen sollen? Und manchmal, so zum Beispiel beim Beschreiben des Lebens und der Feste in der alten Kaiserstadt Quinsai, wird das Verstreichen der Zeit sogar zu einem wundersamen Flanieren durch ein Kabinett farbenfroher Dioramen, voller Poesie und der für Plaschka typischen Verliebtheit in die Sprache.

Ein wenig unschön sind in meinen Augen lange Abschnitte - sogar ein ganzes Kapitel - in kursiver Schrift, deren der Autor sich bedient, wenn die Erzählstimme ins Präsens wechselt. Die zusätzliche Hervorhebung hätte ich nicht gebraucht, um den besonderen Charakter dieser Passagen zu erfassen.

Das schmälert aber nicht den positiven Gesamteindruck, den "Marco Polo - Bis ans Ende der Welt" bei mir hinterlässt. Plaschka hat es nicht nur geschafft, mich fesselnd zu unterhalten, sondern auch mein Interesse für eine Epoche zu wecken, die im europazentrierten Geschichtsunterricht meiner Schulzeit höchstens als Randnotiz Erwähnung fand. Auch wenn er im Nachwort explizit betont, der Roman sei kein Geschichtsbuch, steckt in diesem doch genügend akkurat recherchiertes Hintergrundwissen, um sich ein gutes Bild vom Mongolischen Weltreich und dem China des dreizehnten Jahrhunderts machen zu können.

Eine Faszination, die über das Ende des Buches hinausreicht, übt das Spiel mit der Wahrheit aus, das Oliver Plaschka bis zur letzten Seite aufrecht erhält und das an das Ende des Films "Die üblichen Verdächtigen" erinnert. Die venezianische Maske auf dem Cover ist mehr als eine bloße Referenz an dessen Heimat. Sie thematisiert ein immer wiederkehrendes Motiv des Romans: Nie kann man sicher sein, ob eine Person wirklich diejenige ist, die sie zu sein vorgibt - nicht einmal bei Marco Polo selbst.

"Wie viele Väter hast du eigentlich?", wird er an einer Stelle des Buches gefragt. Ich weiß es. Aber ich verrate nichts.

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Wellness für Autoren

Buchmesse Convent 2016 - Ein Tag unter Phantasten

Seien wir mal ehrlich: In welchem Biotop kann ein Autor sich schon so artgerecht entfalten wie auf einer Convention für phantastische Literatur, umschwirrt von seinen Symbiosepartnern (freundlichen Verlegern und kaufwütigen Fans) und einer Horde enthusiastisch schnatternder Artgenossen? Und wo sonst kann der ambitionierte, aber hoffnungslos unbekannte Kurzgeschichtenschreiber seinen erfolgreichen, Lamborghini fahrenden Vorbildern so hemmungslos auf den Pelz rücken?

Kein Wunder, dass ich ein Jahr lang auf diesen einen, besonderen Tag hingefiebert habe.

Am 22. Oktober ist es endlich so weit. Weltuntergangsartigen Regen hat die Wetter-App am Abend vorher für den Raum Frankfurt angedroht. Sicherheitshalber kalkuliere ich eine halbe Stunde mehr Fahrzeit ein.

Nach relativ entspannender Fahrt bei leichtem Regen stehe ich schließlich vor dem Bürgerhaus Dreieich-Sprendlingen - eine halbe Stunde zu früh. Von den erwarteten Besucherströmen ist weit und breit noch nichts zu sehen.

Während ich noch überlege, womit ich die Zeit überbrücken soll, biegt Verlegerin Ingrid Pointecker um die Ecke.


Laura Dümpelfeld, Ingrid Pointecker (als Mia Faber mit ihrem Wälzer "Unruh - Das Ticken den Uhrwerks") und Melanie Vogltanz.

Ihr Verlag ohneohren ist schon dreien meiner Stories ein flauschiges Nest, und ein größeres gemeinsames Projekt steht in den Startlöchern. Während wir darüber schwatzen, trudeln die nächsten bekannten Gesichter ein: Die Wiener Connection Melanie Vogltanz, Werner Graf und Jaqueline Mayerhofer und die aus der Schweiz angereiste Bianca Riescher.

Inwischen ist es zehn Uhr, und der BuCon öffnet seine Pforten. Bewaffnet mit der zentnerschweren Con-Tüte stürze ich mich ins Getümmel. Erstaunlich, wie schnell der Saal sich mit Menschen füllt.


Ab jetzt reiht sich ein Treffen ans andere. Mein Verleger Marc Hamacher vom kleinen, aber feinen Leseratten-Verlag und seine Stammautorin Tanja Kummer machen den Anfang. Der neue Star im Sortiment ist das wahrscheinlich (aber-)witzigste Buch, das man auf dem BuCon finden kann: "Funtastik" (Pfui, Eigenwerbung. Schlagt mich!).

Am Stand treffe ich Björn Bedey vom steil durchstartenden Acabus-Verlag - und gleich darauf die Bloggerin meines Vertauens, die bezaubernde Cindy "Piranhapudel". Aus Cindys Sicht werde ich mich im Laufe des Tages keinen Meter vorwärts bewegen - wir treffen uns immer an derselben Stelle.


Ich könnte wie eine Flipperkugel von einem Gespräch zum nächsten hüpfen, merke aber noch rechtzeitig, dass es kurz vor zehn ist: Zeit für die erste Lesung! Letztes Jahr war ich mit dem Programm noch etwas überfordert, diesmal habe ich einen PLAN. Überraschenderweise halte ich ihn sogar ein.

Der Verlag ohneohren stellt drei Autorinnen und drei Dystopien vor: Melanie Vogltanz liest aus "Ararat - die Sündenflut", Alessandra Reß (Foto) aus "Spielende Götter" und Claudia Mayer aus "Innocence Lost". Alle drei beeindrucken mich durch ihre klare Erzählstimme und ihren sicheren Vortrag, alle drei haben, wenn ich von den vorgelesenen Passagen auf den Rest schließen darf, sehr spannende, ungewöhnliche Romane mit Tiefgang geschrieben.


Die kommenden vier Stunden habe ich mir für Gespräche freigehalten, und selbst diese Spanne erweist sich im Nachhinein als knapp bemessen. Auf dem BuCon scheint die Zeit schneller zu fließen.

Besonders erfreut bin ich über die Gelegenheit, mit den "Promi-Autoren" Oliver Plaschka und Robert Corvus zu sprechen. Robert, ein sehr lockerer und begeisterungsfähiger Typ, erzählt mir von der Phileasson-Saga, die er zusammen mit Bernhard Hennen schreibt (Als DSA-Fan läuft mir das Wasser im Mund zusammen). Leider, so verrät er, werde es dieses Mal keine Gesangseinlage mit dem Publikum geben, wie er es die letzten Male gemacht hatte. Na, umso besser, denke ich. Ist doch klar, dass ich die Lesung besuchen werde, obwohl Oliver zur selben Zeit liest. Aber da war ich ja schon letztes Jahr.

Alte und neue Bekanntschaften kreuzen jetzt im Minutentakt meinen Weg. Gar nicht so einfach, ein zusammenhängendes Gespräch mit meinem Freund und Betaleser Robert von Cube zu führen. Überall tauchen bekannte Gesichter auf. Torsten und Tina Low an ihrem Verlagsstand sind natürlich Pflichtbesuche, schließlich erscheint dort heute die Siegeranthologie "Labyrinthe" der Storyolympiade, in der ich vertreten bin. Und meine Story in den "Phantastischen Sportlern" ist auch noch bei Torsten in der Pipeline.

Robert Friedrich von Cube und Markus Cremer


Weiter geht es bei Grit Richter vom Art Skript Phantastik Verlag (die mit den laaaaangen Wimpern) und ihrer Verlagsfee Melanie, deren Mission es ist, den gesamten BuCon zu knuddeln (Ich glaube, das ist ihr auch gelungen. Mehrfach). Und an Ingrids Stand nebenan sind natürlich immer einige "ohneohrige" Autoren zu finden. Markus Cremer, Laura Dümpelfeld und Luzia Pfyl, ohne euch hätte mir was gefehlt!

Zwei Uhr. Torsten Low bittet alle seine Autoren zum Gruppenfoto auf die Bühne. Wie viele sind wir eigentlich? Ich muss wohl auf das Foto warten. Aber wo wir alle so schön zusammenstehen, nutze ich die Gelegenheit, ein paar Kollegen kennenzulernen: Günther Kienle und Jörg Fuchs Alameda. Leider vergeht die Zeit so schnell, dass mir für viele andere nur ein Handschütteln bleibt - und der Vorsatz, Torstens Autorenteam nächstes Mal mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Denn jetzt stehen die nächsten Lesungen an.

Grit Richter, Markus Cremer, sein Alter Ego Archibald Leach, Cover-Künstler Martin Schlierkamp und Katharina Fiona Bode

Grit und Ingrid (Ja, sie sind nicht nur Verlegerinnen, sie können auch schreiben) lesen aus ihren eigenen Werken, die bei Art Skript Phantastik erschienen sind, und Katharina Fiona Bode stellt ihren Erasmus-Emmerich-Roman vor. Und wie! Als Erzählerin steckt sie die etablierten Autoren locker in die Tasche. Ich kann nicht anders, ich muss ihr Buch kaufen und signieren lassen.

Als Bonbon und humoristischen Höhepunkt zaubern Grit und Markus das fantastische Cover für den bald erscheinenden Archibald-Leach-Roman von Markus aus dem Hut - samt Künstler Martin Schlierkamp.


Ich habe weiter oben die Story-Olympiade erwähnt. Deren vier Sieger (der dritte Platz wurde wegen Punkte-Gleichstand zweimal vergeben) werden um vier Uhr auf die Bühne gebeten. Überraschung: Der Sieger von 2014 ist der Sieger von 2016. Herzlichen Glückwunsch, Günter Wirtz! Das muss dir erst mal einer nachmachen.

Tatjana Stöckler (Jury), Günter Wirtz, Joachim Tabaczek (2. Platz), Daniel Huster und Michael Edelbrock (jeweils 3. Platz), Torsten Low

Ich begebe mich zur Lesung von Corvus und Hennen und stelle fest, dass sie um eine Stunde verschoben worden ist. Hey, dann kann ich ja doch zu zu Oliver Plaschka!

Olivers Lesung ist intensiv, die Story atmosphärisch dicht und beklemmend. Obwohl ich "Jenseits der Mauer des Morgens" schon gelesen habe, bekomme ich eine Gänsehaut.

Im Wechsel mit ihm liest Erik Hauser aus "Jenseits des Rheins". Die Einführung kann mich nicht packen, aber dann geht es mit schwarzem Humor á la Tom Sharpe ans Eingemachte, und ich bin versöhnt (Erst hinterher fällt mir ein, woran sein Buch mich erinnert: an Siegfried Lenz’ "So zärtlich war Suleyken"). Wir kommen ins Gespräch über die "Verschluss-sache", in der wir beide mit einer Kurzgeschichte vertreten sind. Mir fällt siedend heiß ein, dass später der Deutsche Phantastik-Preis vergeben wird und die Anthologie nominiert ist.

Die beiden fleißig signierenden Herren links gehören zu den Alpha-Tieren auf dem BuCon: Robert Corvus und Bernhard Hennen. Sie tragen gemeinsam und in schnellem Wechsel aus "Die Phileasson-Saga - Himmelsturm" vor, und tatsächlich werden wehmütige Erinnerungen an die guten alten DSA-Zeiten wach.

Robert hatte mir erzählt, er schreibe die Kapitel über Phileasson, während Bernhard den Part des Blenders, des bösen Gegenspielers, übernehme.


Weil (Augenzwinkern) das Bernhards Naturell entgegenkomme. Als ich Bernhards Stimme höre, bin ich geneigt, das wörtlich zu nehmen: Er hätte hervorragend Professor Snape synchronisieren können.

Als nach einer Fragerunde Robert den letzten Programmpunkt verkündet und Bernhard sich grinsend davonstiehlt, weiß ich, dass ich rettungslos verloren bin. Robert beginnt, Zettel im Publikum zu verteilen, und ich denke über möglichst schmerzhafte Foltermethoden für ihn nach.

Am Ende singe ich mit allen anderen zur Melodie der "Biene Maja" den "Schwester-Shaya-Song" ("Shaya pullt durch ihre Welt / Stets, wie's Travia gefällt").

Liebe Leute, falls ihr irgendwann auf eine Lesung von Robert Corvus geht: Behauptet hinterher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!

Die Verleihung des Deutschen Phantastik Preises bildet Höhepunkt und krönenden Abschluss des BuCons. Die meisten Kategorien lassen meinen Blutdruck unberührt, aber als es um die beste Anthologie geht, werde ich doch nervös. Schließlich ist die "Verschlusssache" ja auch irgendwie mein Buch. Hinter mir sitzen die Ohneohrigen wie die Hühner auf der Stange und sehen nicht minder angespannt aus. Nur Ingrid zeigt ihr Pokergesicht: Sie weiß natürlich schon Bescheid.

Lauter Jubel bricht los, und ich stelle fest, dass ich mitjubele. Ein paar Meter weiter springt die kleine Grit auf, stürmt auf die Bühne und reißt den Preis an sich. Erster Platz für "Die dunkelbunten Farben des Steampunk". Liebe Grit, herzlichen Glückwunsch! So bleibt der Preis immerhin in der Familie.

Als dann noch Oliver Plaschka den Preis für die beste Kurzgeschichte erhält, bin ich richtig happy. "Das öde Land" ist die beste phantastische Story, die ich je gelesen habe, und aus dieser Überzeugung heraus habe ich fleißig Stimmen geworben.

Alle Gewinner findet ihr auf der Seite des DPP.

Der BuCon 2016 geht für mich mit Umarmungen und Händeschütteln zu Ende. Es war ein irrer Tag, anstrengend und euphorisierend, randvoll mit Eindrücken und Emotionen. Für den Autor in mir der schönste und wichtigste Tag des Jahres.

Das schönste daran waren jedoch die vielen Begegnungen, die neuen und die vertieften Freundschaften. Die Erkenntnis, dass zwei Autoren immer etwas haben, über dass sie sich unterhalten können, und dass da immer irgendwo die gleiche Art von Verrücktheit lauert. Die Selbstverständlichkeit, mit der man sich als Freund begrüßt, obwohl man sich bisher nur auf facebook kannte. Die neidlose Freude an den Erfolgen der Kollegen.

Ich freue mich auf 2017.

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Rezension: Der Kristallpalast

von Oliver Plaschka, Feder & Schwert 2010

Co-Autoren: Alexander Flory, Matthias Mösch

Wie vor langer Zeit versprochen, habe ich Oliver Plaschkas Roman "Der Kristallpalast" eine Rezension gewidmet. An mein Rezensionsexemplar (mit exklusiver illustrierter Widmung) gelangte ich im Zuge von Olivers Bilderrätsel auf dem Cover von "Das öde Land", das ich mit Ach und Krach als erster löste.

Die ganze Geschichte findest du in meinem Blog "Rätselhafte Schatten".

 

Inzwischen ist Oliver Plaschka eine feste Größe auf dem deutschen Buchmarkt; sein neuer Roman "Marco Polo: Bis an Ende der Welt" erscheint im November bei Droemer.

 

Oliver Plaschka schreibt nicht, wie Schreibratgeber es heutzutage nahelegen - in einfacher, unmittelbarer Sprache, ganz nah an jenem Teil des Gehirns, der das gelesene Wort in Kopfkino umwandelt -, sondern geradezu schwelgerisch literarisch, der sprachlichen Schönheit verpflichtet, ohne in selbstverliebte Effekthascherei abzugleiten. Er schreibt nicht nicht für den Leser mit der kurzen Aufmerksamkeitsspanne, sondern für Genießer und Träumer.

Der Vollständigkeit halber erwähne ich, dass es von Oliver Plaschka auch routinierte Unterhaltungsliteratur gibt (er gehört zum Autorenstamm der Science-Fiction-Serie Perry Rhodan NEO), aber hier geht es um einen seiner Klassiker: "Der Kristallpalast", eine Co-Produktion mit Alexander Flory und Matthias Mösch, die am Exposé und der Ausarbeitung der Protagonisten mitwirkten.

 

Die Handlung entspannt sich um die Eröffnung der ersten Weltausstellung in London im Jahre 1851. Dort kreuzen sich die Wege dreier ungewöhnlicher Menschen, wie sie verschiedener nicht sein könnten.

Die indische "Geheimagentin" Miss Niobe ist ihrem väterlichen Mentor Lord Bailey verpflichtet, hinter dem eine obskure Loge steht. Captain Sokrates Royle gehört einer geheimen militärischen Abteilung der britischen Krone an, in der man augenzwinkernd einen Vorläufer des MI5 erkennen kann. Und der niederländische Ingenieur Frans Ovenhart dient Herren, die in Bleisärgen und Salzfässern zu reisen belieben. Allen drei ist gemein, dass sie auf die Kräfte geheimnisvoller Kristalle zurückgreifen, die ihnen übermenschliche Fähigkeiten verleihen, und über technische Gimmicks verfügen, die Nikola Tesla in Erstaunen versetzt hätten.

Hinzu kommt, gewissermaßen als vierte Handlungsebene, das Tagebuch des Major Samuel Blackwell, der vierundzwanzig Jahre vor der Handlungszeit im Dschungel Südostasiens nach einer verschollenen Expedition und der Herkunft rätselhafter Artefakte forscht.

Der Mord an einem Mitglied von Lord Baileys Loge ist der Ausgangspunkt einer spannenden (und manchmal verwirrenden) Spurensuche durch das viktorianische London, bei der sich historische Ereignisse mit Steampunk-Elementen und exotischer Magie vermischen. Was verbirgt sich tatsächlich hinter dem Kristallpalast, dem architektonischen Glanzstück der Weltausstellung?

Am Ende müssen die Helden eine schwere Entscheidung treffen: zwischen der Loyalität zu ihren Auftraggebern und der individuellen Verantwortung, die das Wissen um die wahren Hintergründe ihrer Missionen mit sich bringt.

 

Ich gebe zu, meistens zu den Lesern mit der kurzen Aufmerksamkeitsspanne zu gehören, da meine Lesezeiten stark fragmentiert sind und oft damit enden, dass ich spät abends über einem Buch einschlafe.

Das erschwerte mir das Eintauchen (und Zurückfinden) in den Roman. Doch ein wenig Hartnäckigkeit zahlt sich beim "Kristallpalast" aus: Immer wieder gibt es sprachliche Höhenflüge, die Oliver Plaschka scheinbar in einem Zustand höchster Luzidität aufs Papier gezaubert hat. Wenn zum Beispiel auf Seite 90 ein Blutstropfen auf die regennasse Straße fällt, klingt das bei Plaschka so: "Das Blut wird sichtbar, als es zu Boden tropft, und zerrinnt in den Pfützen wie Farbe im Terpentin eines Malers. Dort kreiselt es sich ein, Schneckenhäuser in den Gezeitentümpeln des Straßenrands, dann pflügt das eilige Rad einer Kalesche hindurch."

Diese Szene, eine Verfolgungsjagd zwischen Niobe und Frans, liest sich wie eine Traumsequenz, eine gleichermaßen zeitlupenhafte wie dynamische Kamerafahrt durch eine detailverliebt ausgestattete Straßenkulisse. Ab dieser Stelle war ich infiziert. Die eine oder andere Länge konnte ich dem Buch danach verzeihen.

Ganz anders habe ich das Tagebuch Blackwells erlebt: Hier überwiegt das Gefühl einer ständigen, latenten Bedrohung, die wir aus Filmen wie "Predator" kennen. Zermürbendes Wetter, Erschöpfung, Wahnsinn, grausame Geheimnisse ... Dieser Teil des Romans ist durchaus gruselig, bringt aber auch eine gute Portion sense of wonder mit. Ich hab's genossen.

 

"Der Kristallpalast" ist nichts für Wortpuristen und Ungeduldige. Er ist aber auf jeden Fall ein Genuss für aufmerksame Leser und die Liebhaber geschickt verschachtelter Geheimnisse. Für mich war der Roman in seiner teils altmodischen, teils verpielten Sprache eine angenehme Abwechslung vom Mainstream, mit einem faszinierenden, gut recherchierten Setting und interessanten Protagonisten.

Eine klare Leseempfehlung!

 

Mehr auf Oliver Plaschkas Autorenseite The Rainlights Gazette

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Brief vom Festland

Lieber besorgter Bürger!

 

Du bist kein Nazi. Das möchtest du klargestellt wissen. Schließlich hast du noch nie ein Hakenkreuz an irgendeine Wand gekritzelt oder den Hitlergruß gezeigt.

Du hast auch gar nichts gegen Ausländer. Und erst recht nichts gegen Flüchtlinge. Großer Gott, die armen Leute! Dass die nicht bleiben können in ihren ausgebombten Städten, ohne Essen, ohne Strom, ohne medizinische Versorgung, das ist doch ganz klar.

 

Nein, du bist einfach nur besorgt. So wie viele andere auch. So wie eigentlich alle anderen. Du bist nicht alleine. Du bist das Volk.

Besorgnis ist ein unbequemes Gefühl. Es stört das Empfinden von Sicherheit. Es stört die Illusion, weit weg zu sein vom Elend im Rest der Welt. Das macht dich wütend.

Wut ist viel ansteckender als Besorgnis. Wut kann man wunderbar mit anderen teilen. Dann vermittelt sie ein wohliges Gemeinschaftsgefühl. Wenn viele Menschen am selben Ort auf dieselbe Sache wütend sind, müssen sie ja wohl recht haben. Vor allem, wenn du dabei Leuten zuhören kannst, die genau wissen, wer Schuld daran ist, dass du besorgt und wütend bist. So sollte Demokratie funktionieren, denkst du.

 

Aber mit Nazis gleichgesetzt zu werden, das geht dir gegen den Strich. Lieber besorgter Bürger, ich habe eine gute Nachricht für dich: Ich halte dich nicht für einen Nazi.

Ich halte dich einfach nur für entsetzlich bequem und egoistisch. Zu bequem, deinen Horizont zu erweitern oder deine Meinung zu überdenken. So egoistisch, dass du niemanden, den du nicht kennst, auch nur einen Bruchteil dessen gönnst, was du hast.

Klar, was hast du auch schon groß. Bei dir wäre weniger nichts. Der Witz ist:  Niemand wird je von dir verlangen, mehr abzugeben als ein bisschen Platz auf dem Bürgersteig, wenn dir ein Flüchtling entgegenkommt. Aber was du einmal glaubst, sitzt in deinem Kopf wie eine eingerostete Schraube. Schade.

 

Aber bitte, bitte, verlange niemals von mir, dass ich Verständnis für dich aufbringe. Ich hab das eine Weile lang versucht, ehrlich. Ich kann mich ganz gut in andere Menschen hineinversetzen. In dich nicht.

Tu was Gutes, distanzier dich von den Pöblern und Schreihälsen, dann sehen wir weiter. Doch bis dahin: Bleib auf deiner Besorgnis-Insel. Du und dein Volk. Ich bleibe auf dem Festland.

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Sterben für Fortgeschrittene #2

Der Tod hat viele Namen

Ich hatte angedeutet, etwas über die Antagonisten auszuplaudern. Okay, mach ich. Dafür muss ich allerdings ein bisschen weiter ausholen ...

 

Die Mexikaner haben eine recht lockere Einstellung zum Tod. Während er bei uns meistens tabuisiert und verdrängt wird, ist er in Mexiko ein fester Bestandteil der Kultur und des alltäglichen Lebens. Nicht weil in Mexiko mehr gestorben wird als anderswo - auch wenn die regelmäßigen Schreckensmeldungen über den Drogenkrieg und Massenexekutionen diesen Eindruck entstehen lassen können -, sondern weil sich die prähispanischen Jenseitsvorstellungen und Brauchtümer im von den Missionaren darübergestülpten christlichen Feiertag Allerheiligen bis heute erhalten haben.

So entstand, vereinfacht gesprochen, der Día de los Muertos, der Tag der Toten. Darüber will ich hier aber nicht referieren - das Netz ist platzt schon vor Artikeln darüber. Mich interessieren vielmehr die Möglichkeiten, die er dem Autor bietet.

Das fiktive Universum, in dem mein Protagonist Pablo lebt (und stirbt), besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen: einer dicht an die Realität angelehnten Interpretation von Mexiko-Stadt, und dem Jenseits, das ich wahlweise auch mal Nebellande, Totenreich oder Mictlan  nenne - Letzteres ist die aztekische Unterwelt.

Der nette Herr auf dem Bild rechts - er heißt Mictlantecuhtli - ist für den Laden zuständig. Auch wenn er in den meisten Darstellungen dem personifizierten Tod der europäischen Mythologie ähnelt, ist seine Aufgabe nicht, die Seelen mit der Sense zu ernten oder sie gar wie in "Final Destination" bei den Säumigen zwangszuvollstrecken. Den Azteken reichte es, ihn (und seine nicht minder attraktive Frau Mictlancihuatl) als Herrscher der Unterwelt zu fürchten und zu verehren, wohl wissend, dass sie alle ihm eines Tages gegenüberstehen würden - es sei denn, sie starben eines heldenhaften Todes. Oder ertranken - dann kamen sie ins Paradies des Regengottes Tlaloc.


Mictlantecuhtli gehörte nicht zu jenen Göttern, denen in großem Stil Opfer gebracht wurden, auch wenn ritueller Kannibalismus mit seiner Anbetung in Verbindung gebracht wird. Er selbst galt übrigens auch als Leckermaul, weshalb man den Toten Fresskörbe mit auf den Weg gab, die sie ihm überreichen konnten.

Heutzutage warten auf die Toten, die am Día de los Muertos ins Diesseits zurückkehren, reichgedeckte Tafeln, die sich unter allerlei Süßspeisen biegen. Ob dieser Brauch noch auf die aztekischen Bestattungsrituale zurückgeht?

Auf jeden Fall hat sich an den Figuren, die zum Totenfest aufgestellt, herumgetragen, angebetet und verzehrt werden, seit damals nicht viel verändert. Noch immer ist der vielgestaltige Tod der große Star. Männlich wie weiblich - Mictlantecuhtli und Mictlancihuatl. Als "la Catrina" oder "Santa Muerte" erfährt er (oder sie) heutzutage eine ganzjährige Verehrung, die an Popkultur grenzt.

Das Konzept, dass Götter durch die spirituelle Energie der Gläubigen gestärkt und genährt werden, ist in der Fantasy weit verbreitet (Terry Pratchett treibt es in "Einfach göttlich" auf die Spitze). Ich kann dem auch einiges abgewinnen. Die Azteken sind untergegangen, aber ihre Götter sind stark wie nie. Und am Tag der Toten ist ihnen alles möglich.

Aber Mictlantecuhtli ist nicht  der Antagonist. Übermächtige Gegner haben die Tendenz, dem Protagonisten die Initiative zu rauben, da ein Sieg über sie meistens das Eingreifen übermächtiger Verbündeter erfordert.  

Dafür hat er seine Priester, die bei den Azteken oft auch weltliche und schamanische Macht in sich vereinigten. Meiner heißt Cipactli, und er hat einen Mordsaufwand betrieben, das Totenreich mit Kriegern zu füllen. Die spielen in seinen Plänen eine gewichtige Rolle.

Aber auch Cipactli ist nicht der  Antagonist. Ein Priester ist eine Respektperson, der stromert nicht einfach durch die Stadt und meuchelt irgendwelche Leute.

Dafür hat er seinen Meuchler Marcos Ángel Sanchez. Jemand, der auf beiden Seiten des Todes wandelt. Jemand wie Pablo. Ich mag Auseinandersetzungen auf Augenhöhe - mit einem kleinen, unfairen Vorteil für den Bösewicht. Das wird lustig.

Marcos ist  der Antagonist.

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Sterben für Fortgeschrittene #1

"Die Arbeit bringt mich um."

"Hallo, mein Name ist Pablo. Ich kann Toten ins Jenseits folgen. Aber um sie dort zu finden, muss ich am selben Ort zur gleichen Stunde unter den gleichen Umständen sterben wie sie. Das ist nicht sehr angenehm für mich, aber ich habe die Regeln nicht gemacht. Das war der da. *zeigt auf Thomas*

Nachdem ich mich erschießen oder überfahren lassen habe, in eine Schlucht gestürzt oder ertrunken bin, bleiben mir zwölf Stunden, um das Opfer aufzuspüren und nach seinem Mörder zu befragen. Dann erwache ich vollkommen unversehrt in meinem Bett.

Im Sterben bin ich Profi. Davon lebe ich."

 

Das ist, mal etwas anders formuliert, die Prämisse für mein Romanprojekt.

Pablo ist "übersinnlicher Ermittler". Derer gibt es inzwischen viele, aber ich kenne keinen, der in Mexiko-Stadt lebt. Der Megametropole kommt eine besondere Rolle zu - sie ist gleichberechtigter Protagonist neben meinem Helden Pablo.

Das Übersinnliche gehört zu Mexiko wie der Tortilla und die Fiesta. In einem Land, in dem die Hälfte der Leute lieber zu einer Hexe als zu einem Arzt geht, niemand einen Widerspruch zwischen einem Marienwunder und einem Schamanenzauber sieht und der Tag der Toten als buntes Volksfest gefeiert wird, ist ein Detektiv, der mit den Toten spricht, auch nur eine weitere Ausprägung des alltäglichen Mystizismus. Mexiko ist, könnte man sagen, ein natürlicher Lebensraum für jemanden mit Pablos besonderer Begabung.
Dazu kommt das Erbe der Azteken - die Erinnerung an eine blühende (und bisweilen blutige) Hochkultur, die allgegenwärtige Präsenz ihrer Herrscher und Götter, die Ruinen und Pyramiden, die überall in und um Mexiko-Stadt zu finden sind. Das Totenreich Mictlan ...

Aber auch Marotten und Lebensart der Mexikaner bilden eine fabelhafte Leinwand, auf der sich Pablos Beziehungsgeflecht farbenfroh entfalten darf.

Sein Mentor ist ein schwergewichtiger Schamane, der ihn in seine Großfamilie aufgenommen hat - zum Unwillen seiner Frau, die Pablo für einen bösen Geist hält. Pablos Mutter, eine berüchtigte Independent-Filmemacherin, lebt in der esoterischen Kommune eines Sex-Gurus. Sein bester Freund ist ein eiskalter Killer, der ihn regelmäßig umlegt, und seine Verlobte eine rätselhafte, schweigsame Frau aus dem Jenseits.

 

Pablo zahlt einen Preis für seine Gabe: Das Jenseits zehrt an seiner Seele und belastet sein Gemüt. Je häufiger er stirbt, desto schwächer wird er auch im Diesseits. Abhilfe schafft die Magie seines Schamanenfreundes, doch auch die hat ihre Nebenwirkungen. Sie macht Pablo leichtsinnig und unzurechnungsfähig. Wer mit dem Tod tanzt, der geht auch keinem lebensgefährlichen Spiel aus dem Weg.

Doch Pablo ist nicht so unsterblich, wie er glaubt: Falls er im Jenseits erneut stirbt, ist es sein endgültiges Ende.

 

Ich denke, damit lässt sich was anfangen. Mit welchen finsteren Gestalten Pablo es zu tun bekommt, werde ich im nächsten Teil verraten. Nur so viel: Seine Gabe ist nicht einzigartig ...

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Bianca M. Riescher im Interview

Die Beziehung zwischen der Kriegerin Lisaan und dem Söldner Tareq könnte unter keinem ungünstigeren Vorzeichen beginnen - schließlich ist sie seine Gefangene. Doch ein göttlicher Auftrag bindet die beiden auf Gedeih  und Verderb aneinander.

 

In ihrem Debüt "Mitternachtsrot" entführt die in der Schweiz lebende Fantasyautorin Bianca M. Riescher ihre Leser in die Welt Dschanor und nimmt sie sogar mit auf eine Zeitreise. Ich habe Bianca, die ich letztes Jahr auf der BuCon in Dreieich kennenlernen durfte, einige Fragen zu ihrem Buch und ihrer Arbeit als Autorin gestellt.


Bianca, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, dich durch meinen doch recht umfangreichen Fragenkatalog zu ackern. Das Schwierigste zuerst: "Mitternachtsrot" in einem Satz!

Mitternachtsrot ist eine actionreiche Low-Fantasy-Geschichte über eine Kriegerin und einen Söldner, gewürzt mit spannenden Schwertkämpfen, romantischen Begegnungen und einer Prise Humor.

 

Ich muss gestehen, dass ich „Mitternachtsrot“ zunächst für waschechte Romantasy gehalten habe. Aber es geht von Anfang an ziemlich handfest zur Sache, und die Action macht einen deutlich größeren Anteil aus als romantische Szenen. Wen hattest du beim Schreiben als Zielgruppe im Visier?

Zielgruppe: Bianca. "Mitternachtsrot" war zunächst ein komplett privates Projekt, wobei ich einen Roman schreiben wollte, den ich selbst gerne lesen würde. Ich bin eine heimliche Liebhaberin von Conan & Co., wobei mich aber immer gestört hat, dass dort die romantische Dimension sehr einseitig ist. Romantasy hingegen ist mir meistens zu wenig abenteuerlich. Ich wollte etwas über eine starke Frau lesen, die nicht ständig vom strahlenden Helden gerettet werden muss, sondern die für sich selbst entscheiden kann. Ich wollte einen Helden, der nicht perfekt ist, sondern auch Schwächen haben darf. Als nächste Zutat: kein Kitsch, aber durchaus ein paar prickelnde Momente, die hoffentlich nicht ins Ordinäre abrutschen. Da mir die Suche nach solch einem Buch zu mühsam war, habe ich es eben kurzerhand geschrieben. Tja, selbst ist die Frau …

 

Der starken Heldin Lisaan stellst du mit dem Söldner Tareq einen ebenbürtigen Anspielpartner gegenüber. Was sagt Lisaan über Tareq? Was denkt Tareq über sie?
Wenn ich Lisaan frage, was sie von Tareq hält, fielen ihre Antworten mit fortschreitender Seitenzahl ziemlich unterschiedlich aus, angefangen bei dem rücksichtslosen Bastard über das arrogante Ekel und dem charmanten Schweinehund bis hin zu einem liebenswerten Mistkerl.

Tareqs Meinung über Lisaan ist von Anfang an positiver. Ihre Frechheit und ihr Mut gefallen ihm; natürlich auch ihr Aussehen. Aber seinen Respekt und seine Bewunderung erwirbt sie durch ihre Fähigkeiten als Kriegerin. Tareq liebt es, Lisaan zu necken, aber er meint es nie boshaft.

Im Laufe der Geschichte lernen sie, einander absolut zu vertrauen. Wie ich finde, keine schlechte Basis für tiefere Gefühle.

 

Du bist begeisterte Bogenschützin. Auch wenn deine Heldin das Schwert bevorzugt – wie viel Lisaan steckt in dir?

Ich denke, dass eher wenig Bianca in Lisaan steckt, und das nicht nur wegen der Wahl der bevorzugten Waffe. Die einzige Übereinstimmung könnte der leichte Hang zur Unordnung sein, der mich selbst sehr stört und den ich ständig zu bekämpfen versuche (daher auch meine Vorliebe für Tabellen und Checklisten), während Lisaan das nicht so eng sieht.

 

Hat deine Erfahrung mit dem Bogen „Mitternachtsrot“ um einige authentische Beschreibungen bereichern können?

Leider gibt es dort keine Bogenkampfszenen. In meinem zuletzt beendeten Manuskript (das noch einen Verlag sucht) kommen aber Bögen zum Einsatz . Wie authentisch diese Szenen sind, ist schwer zu sagen. Ich bin recht friedfertig und möchte nicht unbedingt ausprobieren, wie es ist, jemanden vom Rücken eines Pferdes aus zu beschießen. Allerdings lege ich Wert darauf, dass die Details stimmen, wie z.B. die Wahl der richtigen Pfeilspitzen oder dass das spitze Ende des Bogens, an dem die Sehne befestigt ist, nicht „spitzes Ende“, sondern „Nock“ genannt wird.

 

Dein Protagonist Tareq und seine Söldner haben ihre Vorbilder im irdischen Orient. Hattest du als Expertin für Geographie und Geschichte schon immer eine besondere Vorliebe für diesen Kulturkreis?

Nicht lachen, aber das muss im übermäßigen Konsum der Bücher Karl Mays begründet liegen. Als Teenager habe ich vor allem seine Orientromane verschlungen. Daneben aber auch Reiseberichte von Afrika- und Saharaforschern wie Gerhard Rohlfs, Gustav Nachtigal oder Heinrich Barth, weil ich schon damals wissen wollte, wie weit Karl May mit seinen Schilderungen daneben lag. Auch die Forschungsreisen von Sir Austen Henry Layard haben mich sehr geprägt.

Im Geographiestudium habe ich mich dann sehr für Trockengebiete und speziell Nordafrika interessiert und deshalb an der Uni zusätzlich vier Semester lang Arabistik studiert (das Grundstudium habe ich sogar erfolgreich abgeschlossen).

Meine Faszination für die Sahara ist ungebrochen. Was lag da näher, als meine Helden in die Wüste zu schicken?

 

Nicht nur in die Wüste, sondern auch in die Vergangenheit! Hast du dir die Konsequenzen möglicher Eingriffe in den Zeitstrom bewusst gemacht und von vornherein den Plot darauf ausgerichtet?

Unter uns: Ich finde Zeitreisen schrecklich. Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich an die vielen Pardoxa denke, die einem über den Weg laufen können.

Da ich „Mitternachtsrot“ sehr intuitiv und absolut ungeplant geschrieben habe, hat mich die Zeitreise selbst überrascht. Weil sie aber durch göttliches Einwirken begründet ist, habe ich sämtliche Bedenken über Bord geworfen. Mit (fast) allen Konsequenzen, die für die „Normalzeit“ durch die Veränderungen in der Vergangenheit zu befürchten sind. Ab einem bestimmten Punkt gab es schreibtechnisch ohnehin kein Zurück mehr.

 

Thema „Weltenbau“: Entwickelst du deine Welt um die Geschichte herum, oder lässt du deine Helden auf eine komplett gestaltete Welt los?

Wie schon angesprochen, habe ich „Mitternachtsrot“ überhaupt nicht geplant. Die Welt Dschanor entstand nach und nach während des Schreibens. Ich glaube, mein geographischer Hintergrund ist dafür dann doch ganz nützlich. Die Wüste von Dschanor habe ich an eine Küstenwüste wie z.B. die Namib angelehnt und das Gebirge trägt ein wenig Alpen-Charakter.

 
Zu „Mitternachtsrot“ gibt es sogar eine Karte der Welt Dschanor. Ist diese nachträglich entstanden, oder war sie von vornherein Arbeitsgrundlage?

Auch hier wieder: keine Vorausplanung. Nur irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem ich Wegstrecken und Bewegungsrichtungen nicht mehr im Kopf jonglieren konnte. Daraufhin entstand die erste Skizze von Dschanor, auf der die von meiner lieben Verlegerin Ingrid gestaltete Karte basiert.

 

Ist Dschanor eine Welt, in der du gerne leben würdest?

Gerne würde ich nun nicht unbedingt dort leben wollen, dafür mag ich moderne Annehmlichkeiten wie Geschirrspüler einfach zu gern. Aber ich könnte mir schrecklichere Orte vorstellen, an die es mich verschlagen könnte.

 

Viele Autoren nähern sich dem Schreibhandwerk über Kurzgeschichten oder Schreibforen an. Du bist mit „Mitternachtsrot“ direkt ins kalte Wasser gesprungen.  Hat es dich Überwindung  gekostet, mit dem Manuskript an einen Verlag heranzutreten? Hattest du Zweifel an deiner Geschichte oder deinen Fähigkeiten?

Überwindung? Ziemlich viel, natürlich. Zweifel? Jede Menge. Ich hatte doch nur die Meinung meiner besten Freundin zum Manuskript. Das Problem war und ist, dass ich meine Geschichten sehr schlecht einschätzen kann. An einem Tag finde ich mein Geschreibsel schlichtweg genial und am nächsten Tag möchte ich es am liebsten wieder löschen. Vielleicht resultierte die Suche nach einem Verlag auch aus dem Wunsch, endlich einmal Feedback von neutraler Seite zu bekommen und nicht nur von Freunden und Familie.

 

Auf deiner Autorenseite kann man dich als „methodische Autorin“ erleben. Du plottest, entwickelst die Charaktere im Vorfeld, arbeitest mit Checklisten. Hast du dich schon einmal dabei ertappt, beim Schreiben von der Handlung so mitgerissen zu werden, dass sie sich in eine ganz andere Richtung entwickelte? Ist dein Plot grundsätzlich flexibel, oder legst du Wert darauf, im vorgeplanten Handlungsrahmen zu bleiben?

Irgendwie bin ich immer noch ein bisschen auf der Suche, wie ich mein Schreiben am besten organisiere. „Mitternachtsrot“ habe ich intuitiv geschrieben, aber dafür sehr intensiv überarbeitet. Mein letztes Manuskript bin ich geplant angegangen, dafür hielt sich der Überarbeitungsbedarf in Grenzen.

 So wie es aussieht, bewährt sich eine Kombination aus wildem Drauflosschreiben und strengem Plotten. Mein aktuelles Projekt habe ich nur kurz auf einer A4-Seite skizziert und dann gleich mit dem Schreiben angefangen. Charaktere und Plot sind in meinem Kopf grob bekannt, ich weiß, wohin die Reise geht und auch wie es enden soll, aber wie meine Protagonisten dorthin gelangen, darf mich selbst auch immer noch überraschen. Bestimmte Eckpunkte stehen also fest, aber ich kann flexibel auf unvorhergesehen Ereignisse reagieren.

Die Eigendynamik, die ein Text während des Schreibens gelegentlich entwickelt, verblüfft mich selbst. Aber gerade solche Szenen zu schreiben, besitzt einen unheimlichen Reiz und macht richtig Spaß.

 

Lovelybooks, Amazon und andere Portale überschlagen sich mit guten Rezensionen zu deinem Debüt. Berühren deine Füße noch den Boden?

Vor der ersten Rezension war ich ein Nervenbündel, da ist es recht hilfreich, wenn die Reaktionen positiv ausfallen. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn es den LeserInnen gefallen hat. Aber ich weiß natürlich auch, dass es nicht jedem gefallen kann, deshalb versuche ich nicht abzuheben.

 

Woran arbeitest du gerade?

Nachdem Dschanor eine ausbaufähige Welt ist, darf auch mein aktuelles Romanprojekt sich dort tummeln. Mehr verrate ich aber nicht. Vor allem, weil es noch arg in den Kinderschuhen steckt. Nur soviel: es wird hoffentlich wieder spannend, romantisch und ein bisschen humorvoll.

 
Vielen Dank, Bianca, für diesen sehr persönlichen und aufschlussreichen Einblick in deine Arbeit!

Danke für das Interview, Thomas. Es hat mir Spaß gemacht, mit dir zusammen noch einmal durch Dschanor zu reisen.

 

> Zu Bianca M. Rieschers Autorenseite


"Mitternachtsrot" erscheint im Verlag ohneohren als Ebook und Taschenbuch:

 

ISBN - epub: 978-3-903006-30-0

ISBN - mobi: 978-3-903006-31-7

ISBN - Taschenbuch (mit beiliegender Karte): 978-3-903006-32-4


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Ausflug nach Dystopia #4

Ungeahnte Aufstiegsmöglichkeiten für Reisbauern, mitteilsame Tiere im Gefolge subversiver Gärtner und eine ernste Warnung vor Engeln.

[... Der Jagamasch überragte sie um das Doppelte. Ein breitschultriger Riese in einer Rüstung aus scharfkantigen, dornbewehrten Platten. Der Kopf war der Zerrspiegel eines Samuraihelms.

 

Kleinste Details drängten sich ihr mit nie zuvor erlebter Klarheit auf.

Beulen, die von Kämpfen mit anderen Jagamasch herrühren mochten. Nieten und Schweißnähte, die sich unregelmäßig über den bronzebraunen und kupferroten Torso zogen wie Operationsnarben. Die Patina aus Rost, abblätterndem Lack und Flechten. Einige der Platten schimmerten dagegen wie poliert, als wären sie erst vor kurzem ausgetauscht worden.

 

Der Jagamasch erschien Meiying wie ein Relikt aus einer Vergangenheit, in der Maschinen nach Schmierfett stanken und unter Druck stehende Flüssigkeiten durch ihre Eingeweide pumpten. Er ist unglaublich alt! Vielleicht ist er einer der ersten. Ein künstlicher Soldat, in die Schlacht geschickt, als der Menschheit die Soldaten ausgingen. ...]

 

Ohne die Hilfe der engelsgleichen "Aufgestiegenen" hätten die Jagamasch das Refugium der letzten Menschen längst überrannt. Wie durch ein Wunder überlebt die sechzehnjährige Meiying eine Begegnung mit einer der unbesiegbaren Kriegsmaschinen.

Das hat weitreichende Folgen: Die Aufgestiegenen bieten ihr an, eine von ihnen zu werden. Doch als sie der Einladung folgt, findet sie sich als Gefangene in einer Schule tief unter der Erde wieder. Was sie dort erfährt, stellt ihr bisheriges Leben infrage - und weckt ihren Widerstand. Eines Tages warnt ein Unbekannter sie davor, den Zorn der Aufgestiegenen auf sich zu ziehen.

Auf der Suche nach Meiying gelangt ihre Schwester Biyu als blinder Passagier in eine von Menschen bewohnte Stadt. Doch sie ist dort nicht erwünscht und wird genadenlos gejagt. In dem Gärtner Shan findet sie einen Verbündeten - und kommt hinter das Geheimnis der Jagamasch.

 

So könnte der Klappentext für meine kürzlich fertiggestellte Novelle "Jagamasch!" klingen, die Geschichte zweier Schwestern, deren Weg von den Reisfeldern einer ländlichen Enklave in den Dunstkreis der Herrscher des Planeten führt. Mit drei Handlungsebenen, erzählt aus der Perspektive von vier verschiedenen Protagonisten, hätte sie das Zeug zum Roman gehabt. Viele Erklärungen und Beschreibungen musste ich aus Platz- und Zeitgründen außen vor lassen. Dass ich trotzdem die maximale Zeichenanzahl überreizt habe und im letzten Arbeitsgang kürzen musste, ist auch nichts Neues für mich.

 

Aber ich bin zufrieden mit dem Ergebnis. Ich wollte Spannung, Geheimnisse und unvorhergesehene Wendungen, und von allem gibt es reichlich. Phasenweise fieberte ich beim Schreiben mit meinen Heldinnen, wie ich es sonst nur in der Rolle des Lesers erlebe. Was sicher auch daran lag, dass ich mir erlaubt habe, vom Plot abzuweichen, wenn mir eine spontane Idee glaubwürdiger erschien und mehr Potenzial barg. Ein Flug auf Sicht, bei dem ich manchmal nicht wusste, was hinter der nächsten Wolke lauert (es war glücklicherweise kein Berg).

So wird eine Geschichte für mich erst richtig erlebbar.

 

Auch wenn Meiying und Biyu die Heldinnen der Geschichte sind, habe ich an dem Gärtner Shan einen besonderen Narren gefressen. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst Gärtner bin ...

Shan ist unangepasst und kritisch. Das macht ihn zu einem Außenseiter und für die Polizei sogar zu einem Subversiven. Seine einzige Gesellschaft sind ein sprechender Dachs und weitere Robottiere. Seine Beziehung zu Biyu zu entwickeln hat mir besonders viel Spaß gemacht. Schade, dass auf den 120 Normseiten auch noch andere Dinge geschehen mussten.

 

Übrigens sind die Jagamasch nicht gänzlich auf meinem Mist gewachsen. Ihre Vorbilder, die Manshonyagger, marschierten bereits 1957 durch Cordwainer Smiths Story "Mark Elf", die 1984 in der Anthologie "Die Instrumentalität der Menschheit" bei Moewig wiederaufgelegt wurde. Und auch Smith selbst hat einen heimlichen Gastauftritt in "Jagamasch!".

 

>> Teil #3 >>

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Rettet den Konjunktiv!

Der Konjunktiv I ist der Tod des Konjunktiv II. Das kann ich ganz schnell belegen.

Ich schlage ein stinkbeliebiges Buch auf: "... gingen mit einer Zielstrebigkeit vor, als seien sie schon einmal hier gewesen." Aha.

Nächstes Buch: "... schrie ihn an, als könne sie durch bloße Lautstärke ..." Bäh, weiter.

 "... als lebe er in seiner eigenen Welt." - "... als wolle er ..." - "... als habe sie ..."

Gnade! Aufhören!

In einer Zeit, die knapp an knackigen Metaphern ist, hat der Vergleich Hochkonjunktur. Geht es dabei um menschliches Verhalten, greifen Autoren gerne auf Nebensätze zurück, die mit "als" eingeleitet werden. Was sie die Protagonisten in diesen Nebensätzen tun lassen, ist reiner Irrealis. Und der Irrealis erfordert einen Konjunktiv.

Aber welchen?

Kurz und richtig: Den Konjunktiv II. "... als wären sie ..." - "... als könnte sie ..."

Wollte. Hätte. Müsste.

Kann man sich als Faustregel merken: Nach "als" folgt Konkunktiv II.

Oder noch globaler: Der Konjunktiv I ist der indirekten Rede vorbehalten. Keine indirekte Rede? Dann muss es der Konjunktiv II sein.

Warum finden sich in literarischen Erzeugnissen zu neunzig Prozent falsche Konjunktive? Zunächst einmal, weil die Übersetzer dem englischen "as if" die falsche Form folgen lassen. Das erklärt aber nichts, denn in deutschen Originaltexten passiert das genauso gehäuft, fast, als steckte Methode dahinter.

Vielleicht klingt der Konjunktiv I einfach ein bisschen nobler, weltmännischer. "Als fürchte er" geht doch auch viel lockerer von der Zunge als "als fürchtete er". Dieses zungenbrecherische Extra-te! Klingt, als stotterte man!

Moment! Heißt es nicht: "... als würde man stottern"?

Eigentlich brauchen wir nur einen einzigen Konjunktiv: Würde.

Würde plus Infinitiv, und die Sache ist in trockenen Tüchern.

Aber ganz ehrlich: Schön wäre das nicht. Unsere Sprache ist aus Unwissenheit über die korrekte Konjugation vieler Verben mit der Zeit recht ... würdevoll geworden. Allerdings geht es hierbei vor allem um die gesprochene Sprache.

"Ich wünschte, ich kennte schon die ganze Geschichte", sagte meine Tochter neulich. Sorry, dass ich diese Episode wieder aufwärme, aber es war einfach zu köstlich. Kennt ihr "kennte"?

Oder "schwömme", "hülfe" und "stürbe"? Na ja, diesen verschrobenen Gesellen brauchen wir keine erste Hilfe mehr zu leisten. Die sind in "würde" gestorben.

Im Schriftdeutschen gilt zu viel "würde" dagegen als schlechter Stil. Deshalb schreiben wir: "Kämen wir später" und nicht "Würden wir später kommen". Das setzt natürlich die Kenntnis der Konjunktiv-Formen voraus.

Wenn der Konjunktiv II mit dem Präteritum identisch ist, führt das oft zu Verunsicherung. Dabei kann eigentlich nichts schief gehen: "Er wünschte sich, sein Großvater lebte noch." - Verwechslung ausgeschlossen.

"Fünfzig Euro mehr im Monat reichten ihm schon." - Erklärt sich aus dem Kontext. Trotzdem finde ich an solchen Stellen öfter mal die Behelfskonstruktion mit "würde".

Ließe ich meinen Protagonisten sagen: "Fünfzig Euro mehr würden mir schon reichen", dann wäre das vollkommen in Ordnung, denn das gesprochene Wort in der Prosa sollte die Allgemeinsprache wiederspiegeln. Kein Mensch redet so: "Sprächest du lauter, verstünde ich dich besser."

Aber, um den Kreis zum Anfang zu schließen: "Er machte ein Gesicht, als verstünde er kein Wort."

Der Konjunktiv ist vielleicht noch zu retten. Zumindest in Schriftform.

Liebe Autoren: Gebt ihm eine Chance!

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Rätselhafte Schatten

"Das öde Land und andere Geschichten vom Ende der Welt" heißt eine Anthologie mit Kurzgeschichten von Oliver Plaschka, die im Herbst 2015 im Verlag Torsten Low erschien. Die Coverillustration riss mich, wenn ich ehrlich bin, nicht vom Hocker. Der Autor hatte sich aber was dabei gedacht.

Kurz nach der BuCon ließ Oliver Plaschka die Bombe platzen: Das Titelbild nimmt nicht bloß Bezug auf einige der Geschichten, sondern stellt ein, wie er selbst zugibt, recht kniffliges Rätsel dar.

"Wem gehört die Feder?", lautete die Preisfrage. Für denjenigen, der die Frage als erster beantwortete, lobte Oliver ein signiertes Exemplar des Buches mit einer exklusiven handgezeichneten Illustration aus.

Die Aktion ist längst beendet, aber wer Lust hat, kann sich das Ganze immer noch in Olivers Blog "The Rainlights Gazette" anschauen.
Dort sind die wöchentlich ergänzten Tipps aufgelistet, und in dieser Tradition stellt auch mein Blogtitel einen Hinweis dar (einen der letzten, den Oliver rausgerückt hat).


Bei aller Bescheidenheit will ich nicht verschweigen, dass ich derjenige war, der das Rätsel als erster löste - mit sieben Minuten Vorsprung und im dritten Anlauf nach der Abgabe einer falschen und einer zur Hälfte richtigen Antwort.

Da ich bereits glücklicher Besitzer einer signierten Ausgabe des "Öden Landes" war, schlug Oliver vor, eines seiner anderen Werke zu illustrieren. Meine Wahl fiel auf den Steampunk-Roman "Der Kristallpalast" (Feder & Schwert, 2010). Hiermit gebe ich das Versprechen ab, eine Rezension folgen zu lassen, sobald ich Zeit für die Lektüre gefunden habe.


Und hier seht ihr, warum ich mich beim Aufschlagen des Buches wie ein Schneekönig gefreut habe. Vielen Dank, Oliver! Wer weiß, wieviel das irgendwann mal wert sein wird.

Spaß beiseite: Ich habe selbstverständlich nicht vor, mich davon trennen. Meins!

 

Nachtrag: Die Rezension zum Kristallpalast findest du hier.

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Ausflug nach Dystopia #3

Sie dürfen es niemals erfahren

Was wäre, wenn ein Aufgestiegener auf den Gedanken käme, den unwissenden Zellenbewohnern die Wahrheit zu erzählen? Oder eine wagemutige Expedition es aus einer Zelle in die nächste schaffen sollte?

Die Antwort ist einfach: Das darf einfach nicht geschehen! Niemals, niemals, niemals! Ansonsten müssten die Lenker bedauerlicherweise den Giftgastank unter der bedauernswerten Zelle öffnen. Puff. Alle tot.

Ich denke, ohne die Bereitschaft, solche zugegebenermaßen unpopulären Maßnahmen zu ergreifen, hätte das fragile Gebilde der neuen Weltordnung nicht lange Bestand. Man stelle sich vor, die Basis der Pyramide wäre nicht mehr bereit, die Spitze zu tragen. Geht gar nicht.

Natürlich ist die Auslöschung einer Zelle der letzte Ausweg. So weit muss es nicht kommen. Die Lenker haben ja noch andere Druckmittel in der Hand: Sie könnten jederzeit ihre "schützende Hand" von einer Zelle nehmen, die ihre Lieferquote nicht erfüllt oder das Konzept doof findet, für eine gottgleiche Rasse von Übermenschen den Buckel krumm zu machen.

In diesem Fall wäre die Zelle dem Angriff eines Jagamasch schutzlos ausgeliefert. Und dieser würde unter Garantie nicht lange auf sich warten lassen. Ein bisschen Terror, ein paar Todesopfer, und alle sehnen sich nach der Ägide der Aufgestiegenen zurück.

Sollte der Aufstand von einem charismatischen Anführer ausgehen, der sich nicht so leicht einschüchtern lässt, wäre es für die Lenker sehr wünschenswert, befände er sich unter den Todesopfern. Oh, so ein Pech, Leute, aber das hat er sich selbst zuzuschreiben.

Was machen sie aber mit Aufwieglern aus den eigenen Reihen? Jenen, die es irgendwie unfair finden, dass wenige Tausend das Wissen der Menschheit und die märchenhafte Supertechnik für sich nutzen, statt sie allen zugänglich zu machen? Ich plädiere auch hier für die Todesstrafe, Euer Ehren! Am besten die ganze Familie, sonst kommt einer von denen noch auf dumme Gedanken. Das hat nebenbei eine wundervoll abschreckende Wirkung: Wer Mist baut, reißt seine Liebsten mit in den Untergang. Das würde doch keiner wollen.
Den rechtlichen Konsens darüber setze ich einfach mal voraus. Es gibt Gesetze, und an die müssen sich alle halten, auch die Lenker. Um dem Gesetz Nachdruck zu verleihen, verfügen diese über eine schlagkräftige Exekutive: die Regulatoren. Das sind ganz schlimme Finger, und ihre technische Ausstattung ist Ultra-High-End.

Wer bewacht die Wächter? Ich denke, es wäre mal ganz interessant, die Kontrolle gerecht auf die Lenker zu verteilen. Jede der hohen Familien hat ein Kontigent loyaler Sicherheitskräften unter ihrem Kommando, aus denen aufgrund eines Mehrheitsbeschlusses die Regulatoren rekrutiert werden - mit dem Mandat für einen Einsatz.

Kurzum: Das System basiert auf Manipulation, Kontrolle und Einschüchterung. *Gähn*

Ja, schon gut. Ist doch meine erste Dystopie! Irgendwas werde ich schon draus machen. Aber nicht mehr heute.

 

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Ausflug nach Dystopia #2

Im Reich der Götter

Langsam schält sich aus dem dystopischen Weltmodell eine pyramidenförmige Klassengesellschaft heraus.

In den Zellen lebt die produzierende Klasse, die einen Großteil der Weltbevölkerung stellt - die Basis der Pyramide, um die es im ersten Teil ging.

Darüber folgt die Klasse der Dienstleister: Verwaltungs- und Forschungsassistenten, Sicherheitsleute, Pflegepersonal. Sie rekrutieren sich aus den Zellenbewohnern und werden einem Indoktrinationsprogramm unterzogen, dass sie in willfährige Helfern der Oberschicht verwandelt. Außerdem sind sie der "Rohstoff" der Genetiker (Wir erinnern uns: Nur die genetisch Vielversprechendsten werden aus den Zellen geholt).

Die Dienstleister führen ein relativ selbstbestimmtes Leben: Sie genießen Bewegungsfreiheit (nur die Wohnbereiche der Oberschicht sind tabu für sie), dürfen Familien gründen, können jederzeit ihre Versetzung in einen anderen Tätigkeitsbereich oder eine andere Stadt beantragen, genießen einen Luxus, der die Zellen wie ein Provisorium aussehen lässt, und können zwischen einem breiten Spektrum an Freizeitangeboten wählen.

Es gibt Karrieremöglichkeiten, aber die Führungspositionen bleiben der Oberschicht vorbehalten. Der einzige Weg weiter hinauf führt über Heirat, Adoption oder die Fürsprache eines Lenkers (zu diesen später mehr).

 

Dieser ganze Rummel wird also für die Oberschicht veranstaltet? Scheinbar ja. Denn deren Luxus ist unbeschreiblich.

Die obere Million der Menschheit (mehr sind es nicht und mehr sollen es auch nicht werden) muss nicht einmal etwas für ihren Lebensunterhalt tun. Trotzdem tun es die meisten aus Gründen der Selbstverwirklichung und Reputationssteigerung - durch dekadenten Lebensstil empfiehlt man sich nicht für die Rolle eines Lenkers.

Den Reichtum haben diese Menschen von ihren Vorfahren aus der Zeit vor der Errichtung der neuen Weltordnung geerbt - und dieser Reichtum war einst deren Eintrittkarte in diesen illustren Kreis.

Als Angehöriger der Oberschicht profitiert man von der besten medizinischen Versorgung und einer hohen Lebenserwartung, lässt seine Kinder genoptimieren und in vitro austragen, nach neuesten pädagogischen Erkenntnissen zu sozialen und kreativen Menschen programmieren und beschränkt die elterlichen Pflichten auf konfliktfreie Qualitätszeit zwischen den Schulungseinheiten.

 

Die Spitze der Pyramide stellen die Lenker dar. Dies sind die globalen Entscheidungsträger, doch dahinter verbirgt sich kein tatsächliches politisches Amt, sondern der Machterhalt jener Milliardärsclans, die einst mit ihren enormen Finanzmitteln (die selbst jene der wirtschaftlich stärksten Staaten in den Schatten stellten) die Zeitenwende eingeläutet haben.

Die Lenker und ihre Familien betrachten sich als neue Menschenrasse, genetisch und moralisch selbst der Oberschicht weit überlegen. Ihre Lebenserwartung beträgt 200 Jahre und mehr, dank Implantationstechniken und Medikamenten, die die Zellalterung verlangsamen. Selbst über den Tod hinaus werden Wege erforscht, zumindest das Gehirn oder das reine Bewusstsein in künstlichen Körpern oder virtuellen Umgebungen zu konservieren.

Jene, die aus der Oberschicht in den Rang eines Lenkers aufsteigen, ahnen nicht, dass ihnen die wahre Macht vorenthalten wird und sie selbst nur gelenkt werden. Und wer zuviel fordert oder zu viele Fehler begeht, der stürzt tief.

 

Bis hierhin klingt alles nicht sonderlich dystopisch, das gebe ich zu. Nächstes Mal beleuchte ich die Konflikte dieser scheinbar gut funktionierenden Welt, die zwar keine Gleichbehandlung kennt, sich aber in einem stabilen Gleichgewicht befindet. Da darf ich dann mal richtig fies sein. Muhahaha!

 

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Ausflug nach Dystopia #1

Oder: Die DDR in tausend Jahren

Der noch ganz frische Bremer Eridanus-Verlag hat mich an der Angel. Dystopien werden gesucht, am besten "neu und außergewöhnlich". Klaro, mach ich doch gerne. Da ich dem Dystopia-Boom im Kino geschickt ausgewichen bin und auch literarisch keinerlei Erfahrungen in dem Genre habe, stehen meine Chancen ganz gut, was nie Dagewesenes aus dem Ärmel zu schütteln.

Normalerweise entwickelt sich ein Plot bei mir um die Protagonisten herum. Die benötigte Umgebung haben diese sozusagen im Handgepäck. Ich merke schnell, dass das hier nicht funktioniert: In der Dystopie ist die Dystopie selbst die plotsteuernde Kraft. Sie nötigt die Figuren zu Aktionen, besser, als jeder Superschurke oder Schwazmagier das könnte. Die Dystopie ist nicht nur ein Setting, in der Geschichten stattfinden - sie ist als System gleichzeitig ein überlegener Gegner und eine graue Eminenz.

Also, heute zuerst der Weltenbau. Die Zinnminiaturen kommen zuletzt aufs Brett.

 

Ich kann nicht verhindern, dass ich Dystopien mit fehlgeleiteten oder gescheiterten Utopien gleichsetze. "Planwirtschaft", denke ich. Super!

Nee, langweilig. Ist ja weder neu noch außergewöhnlich. Trotzdem lande ich immer wieder bei diesem Stichwort, bis ich nachgebe und eine LPG aufs gedankliche Reißbrett zeichne. Die läuft richtig rund, weil die Planer im Hintergrund ausnahmsweise mal Ahnung von Planwirtschaft haben. Dafür sacken sie die Produktionsüberschüsse ein.

Und wenn die Genossen aufmucken?

Jetzt purzeln die Ideen wie Fallobst. Erstens: Die Genossen denken so schnell nicht ans Aufmucken, weil sie die Überschüsse nicht irgendwelchen Politschergen, sondern ihren Göttern aushändigen. Zweitens: Die Götter lassen sich nicht lumpen und stellen der dystopischen LPG alles zur Verfügung, was diese nicht selbst herstellen kann. Und drittens sind die Genossen ganz auf sich allein gestellt, weil sie in einer Art Freiluftgefängnis leben. Ätsch!

Moment, Gefängnis? Hohe Mauern, Stacheldraht, Wachtürme? Dann werden sie erst recht aufmucken wollen!

Nein, ich muss sie davon überzeugen, dass sie gar keine Gefangenen sind.

 

Hat jemand "The Village" gesehen? Schade, dass es diesen Film gibt und ich die Idee nicht für mich reklamieren kann.

Also, meine LPG ist von Sperrpfosten umgeben, um die gigantischen Kampfmaschinen fernzuhalten, die in der Wildnis herumstromern. Die gibt es seit dem letzten globalen Krieg, in dem die Menschheit fast komplett ausgelöscht worden ist - bis auf unsere wackeren Genossen. Hin und wieder bricht doch mal einer der Roboter durch, nur um mit großem Tamtam von den Göttern kaputtgeblastert zu werden.

Wer hat die Pfosten aufgestellt? Wer hat die Roboter gebaut? Wer hat sich das Märchen vom letzten Weltkkrieg ausgedacht? Klar, die Götter. Und wer es sich mit den Göttern verscherzt, der kann ja selber zusehen, wie er mit baumgroßen Kampfrobotern zurechtkommt.

 

Klingt bescheuert bis hierher? Macht nichts. Wird noch schlimmer, wenn ich mir anschaue, wo die Götter wohnen und wie sie leben.

Nächstes Mal.

 

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Phantastisch!

Ein Tag auf der Buchmesse-Convention in Dreieich-Sprendlingen

Fahrtverpflegung? Eingepackt. Kamera? Ersatzakku? Yep, alles da. Und weil es mein erster Besuch in Sprendlingen ist: Wegbeschreibung? Wird überbewertet. Ich habe auf einem Zettel notiert, wo ich abbiegen muss.

So, jetzt noch der Eimer mit den ganz speziellen Muffins (für meine Lieblingsverlegerin), und dann geht es los.

Es ist viertel vor acht, als ich in Klein Schneen losfahre. Sprühregen. Ich habe wenig geschlafen. Im CD-Spieler läuft "The National". Ich singe mit, bis ich wach bin.

Zweieinhalb Stunden später drehe ich eine Ehrenrunde im Sprendlinger Gewerbepark. Wie war das mit dem Zettel? Trotzdem gelange ich zügig zum Bürgerhaus. Der Spaß kann beginnen.

Am Eingang erhalte ich mich mein blaues Band, das mich als zahlender Besucher ausweist, und die Contüte, vollgestopft mit Infomaterial der Aussteller. Ein kurzer Blick auf den Plan: Die BuCon spielt sich überwiegend im großen Veranstaltungssaal ab, dem "Panoramadeck". Rundherum gruppieren sich Räumlichkeiten mit klangvollen Namen wie  "Holodeck", "Deep Space 5" und "Maschinenraum". Dort werden die Autorenlesungen stattfinden.

Im Saal erschlägt mich die Menschenmenge. Ingrid, wo bist du? Aha, da ist der Stand des Verlags ohneohren, und dahinter erspähe ich den (heute mal schwarzen) Lockenkopf meiner Lieblingsverlegerin.

Wir sind uns noch nie begegnet, haben bisher nur Kontakt via Mail und facebook gehalten. Jetzt wird sich die Tauglichkeit meines Profilbilds erweisen - oder auch nicht.

Ingrids Augen weiten sich. "Thomas!" Wir fallen uns in die Arme. Test bestanden.

"Ich habe was für dich." Ingrid zieht eine Papiertüte unter dem Tisch hervor: Meine Belegexemplare der "Verschlusssache". Yeah!

Ich habe aber auch etwas für Ingrid: Die wahrscheinlich ersten und einzigen Cthulhu-Muffins der Welt. Sie kommen in vertraute Gesellschaft: Ingrids Stand wird bereits von je einem Strick-, Plüsch- und Gummi-Cthulhu bewacht.

Und von bekannten Gesichtern belagert, die ich ebenfalls nur von facebook kenne. Da sind zum Beispiel Jacqueline Mayerhofer, Werner Graf, Laura Dümpelfeld, Luzia Pfyl und "Starautorin" Diana Menschig.


Geplättet und noch etwas benommen von der langen Fahrt setze ich mich erst mal zu Ulf Fildebrandt in den Lesungsraum "Ten Forward". Der sympathische Jungautor stellt seinen Roman "Dunkelwärts" vor, der mit einem interessanten Weltenbaukonzept punktet.

Dann geht es zurück an den Stand von ohneohren, wo sich inzwischen Melanie Vogltanz, Fabian Dombrowski, Bianca Riescher und Markus Cremer (in genialem Steampunk-Outfit) eingefunden haben. Die "Verschlusssachen" wandern von Hand zu Hand und werden um Widmungen bereichert. Und noch eine Unterschrift ist fällig: Ingrid reicht mir den Autorenvertrag zur geplanten Anthologie "Heimchen am Schwert". Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Yeah!

Jetzt will ich aber mal sehen, was hier sonst noch los ist. Gleich neben Ingrid steht Steampunk-Ikone Grit Richter mit ihrem Art Skript Phantastik Verlag und zwinkert mir mit meterlangen Wimpern zu. Ich kaufe die Anthologie "Fantasy Noir", in die ich es nicht geschafft habe - schließlich interessiert mich brennend, womit sich Grits Verlegerinnenherz erweichen lässt.

Auf keinen Fall darf Torsten Low auf meinem Rundgang fehlen. Der "bissige Verleger", wie sein T-Shirt warnt, hat meine erste Geschichte in der Siegeranthologie "Stille" der Storyolympiade 2013/14 veröffentlicht.

"Hi Torsten! Ich bin Thomas."

In Torstens Gesicht arbeitet es.

"Heidemann", füge ich hinzu.

"Ah! Die Vigilanz-Story!" Torsten zieht mich an seine Brust. Die Story "Helfen Sie der Vigilanz!", erzählt er, kommt bei seinen Lesungen regelmäßig zum Einsatz. Das Autorenherz schlägt höher.

Etwas später lerne ich das erfolgreiche Autorenduo Vanessa Kaiser und Thomas Lowasser kennen, die mich anhand der "Vigilanz-Story" identifizieren. Vanessa erzählt mir, dass sie immer nur Männern namens Thomas begegnet. Prompt gesellt sich Autor Thomas H. Backus zu uns.

Beim weiteren Stöbern steht plötzlich eine distinguierte rötlichblonde Dame vor mir. "Thomas?"

"Renate?"

Die nächste Umarmung. Renate - oder Reneé Engel - ist meine liebste und fleißigste Betaleserin, und wir pflegen seit langem eine Mailfreundschaft. Dies ist unsere erste Begegnung in Fleisch und Blut. Wir haben uns viel zu erzählen.

Endlich treffe ich mein Idol Oliver Plaschka (auf dem Foto zusammen mit Torsten Low). Oliver ist Perry-Rhodan-NEO-Autor und ebenfalls mit einer Story in der "Verschlusssache" vertreten.

Nach einem kurzen Plausch kaufe ich seine bei Torsten erschienene Kurzgeschichtensammlung und lasse sie mir signieren.

Autor Holger M. Pohl ist ebenfalls am Stand und erzählt mir etwas über seinen Roman "Arkland". Mein Wunschzettel wir immer länger.


Robert von Cube hat es endlich zur BuCon geschafft, ein weiterer Facebook-Freund und Betaleser. Wir erkennen uns auf Anhieb. Auch für ihn hat Ingrid einen Vertrag mitgebracht - wir werden zusammen im "Heimchen am Schwert" erscheinen. Glückwunsch, Robert!

Während wir in Trauben mit ständig wechselnder Belegschaft vor dem ohneohrigen Stand herumhängen, beobachte ich die gleichzeitig erschöpft und glücklich wirkende Ingrid. Blitzt da so etwas wie mütterlicher Stolz in ihren Augen auf? Schließlich haben etliche von uns die erste Veröffentlichung ihr zu verdanken und sind vor allem ihretwegen hier.

Es wird Zeit, sich für eine Lesung zu entscheiden. Die von Ohneohren, Torsten Low, Oliver Plaschka und Bernhard Hennen finden blöderweise gleichzeitig statt. Ich entscheide mich für Oliver und bedaure es nicht.

Oliver hat einen angenehm ruhigen, dezent humorvollen Auftritt. Er liest auf eindringliche Weise aus seiner Anthologie "Das öde Land und andere Geschichten vom Ende der Welt". Genau so, nehme ich mir vor, will ich irgendwann meine erste Lesung bestreiten.

Noch eine Stunde bis zur Verleihung des Deutschen Phantastik-Preises, aber das werde ich nicht mehr schaffen. Ich bin hundemüde und habe noch die Rückfahrt vor mir. Schnell noch einen Kaffee und dann los. Na ja, fast. Bis ich mich von allen verabschiedet habe, vergeht eine halbe Stunde. Nächstes Jahr, verspreche ich Fabian Dombrowski, werde ich das volle Programm mitmachen.

Die Heimreise trete ich mit dem Gefühl an, Mitglied einer großen Familie zu sein.

Es war eine geiler Tag. Und garantiert nicht mein letzter Besuch in Sprendlingen.

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Ein Gesicht in der menge

Über die Flüchtlingskrise (ich mag das Wort kaum noch hören) hat inzwischen so gut wie jeder seine Meinung kundgetan. Ich wollte es nicht. Aber sie ist in meinem Alltag so present, dass sich mit der Zeit einiges an Gedanken angestaut hat.

Ich lebe in der Gemeinde Friedland in Niedersachsen. Dort befindet sich das bundesweit bekannte und von Politikern gern besuchte Erstaufnahmelager, das dieser Tage fast schon symbolisch für die Probleme steht, die mit der Unterbringung und Versorgung großer Menschenmengen einhergeht. Die Kapazität des Lagers liegt bei 750 Plätzen, tatsächlich fasst es momentan mehr als die viermal so viele Flüchtlinge. Diese bilden keine homogene Gruppe, sondern kommen aus unterschiedlichen Ländern und sprechen verschiedene Sprachen. Sie haben kaum Beschäftigungsmöglichkeiten. Sie müssen lange für ihr Essen anstehen. Viele von ihnen schlafen in den Korridoren, weil die regulären Unterkünfte längst überfüllt sind. Privatsphäre haben sie seit Beginn ihrer Flucht nicht mehr erlebt.

Ihre Zukunft ist ungewiss. Sie sind froh, es nach Deutschland geschafft zu haben, aber wie es weitergehen soll, kann ihnen niemand verbindlich sagen.

Es kommt zu Spannungen. Die Polizei muss immer öfter eingreifen, um für Ruhe zu sorgen. Und schon erheben diejenigen ihre Stimme, die es schon immer gewusst haben:

"Die Flüchtlinge sind gewalttätig. Die Flüchtlinge sind unwillig, sich zu integrieren. Überall hinterlassen sie ihren Müll. Sie schlafen bis mittags und machen bis nachts um zwei Lärm. Ich habe ja gar nichts gegen Flüchtlinge, aber  ..."

Ich brauche nicht einmal die dumpfen Posts bei facebook lesen - diese Äußerungen höre ich beim Einkaufen, auf der Straße, im Gespräch mit meinem Kunden. Und obwohl mir jedesmal der Hals schwillt, kann ich sogar verstehen, warum diese Leute genug haben. Denn die gesellschaftliche und logistische Bewältigung dieser "Krise" funktioniert schlecht. Es ist keine Verbesserung der Lage in Sicht, nur immer neue Probleme. Und über diese wird scheinbar lieber gestritten, statt sie in einer gemeinsamen Anstrengung zu lösen.

Ich möchte eine Gegenthese aufstellen: Deutschland bewältigt diese Krise oberflächlich gesehen vielleicht schlecht - aber eben doch so gut es geht. Wir werden an den Flüchtlingsströmen nicht zerbrechen. Wir werden an der Aufgabe wachsen.

Bevor wir zur Normalität zurückkehren, wird noch einige Zeit vergehen. Bis dahin wünsche ich mir, dass jeder, dem die Situation Angst macht, einmal versucht, sich in den Alltag eines Flüchtlings zu versetzen. Stellen Sie sich die Enge in den Unterkünften vor! Das Gefühl, sein Leben nicht mehr bestimmen zu können, sondern von anderen abhängig zu sein. Das Trauma von Krieg und Flucht.

Und wenn Sie das nicht können: Sehen Sie wenigstens den Menschen, nicht den Flüchtling. Denn "der Flüchtling" ist längst kein Individuum mehr, sondern eine Kategorie. Eine Massenbezeichnung. Hundert oder tausend Flüchtlinge? Gibt es da noch einen Unterschied?

Überlegen Sie mal, warum ein an den Strand gespültes Kind Sie mehr anrührt als siebenhundert Ertrunkene, unter denen sich auch etliche Kinder befunden haben.

Weil Sie ein Gesicht inmitten der gesichtslosen Menge gesehen haben. Und jedes Gesicht erzählt eine Geschichte.

Dafür müssen Sie kein Autor sein.

Nur ein Mensch.

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Huch, ein Blog!

Wie oft habe ich das in letzter Zeit gehört: "Ich blogge, also bin ich!"

No, Sir! Nicht mit mir! Es gibt hinreichend Belege für meine Existenz, da machen ein paar Zeilen auf meiner Website auch keinen großen Unterschied.

 

Dennoch habe ich mich entschlossen, zu bloggen. Und zwar als Mittel der Selbstorganisation. Meine Gedanken sind manchmal ein recht disziplinloser Haufen, da kann ein wenig öffentlicher Druck nicht schaden, um sie aufrecht in Reih und Glied zu bringen.

 

So, genug stillgestanden, Gedanken. Rührt euch!

 

Okay, wie du soeben bemerkt hast, nehme ich meinen Blog nicht bierernst. Das würde ja auch überhaupt keinen Spaß machen. Was ich hier schreibe, kann Spuren von Euphorie, Selbstironie oder haltloser Albernheit enthalten. Wer das liest, ist selbst schuld.

 

Bis es hier richtig losgehen kann, muss noch einiges getan werden. Die Website ist ein Rohbau; meine vorläufige Sitzgelegenheit eine hochkant gestellte Bierkiste. Die Installateure, Maler, Elektriker und Inneneinrichter warten draußen an der Straße und trinken Kaffee.

 

Gerade schraubt der erste seine Thermoskanne zu. Es geht los!

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