Rezension: Der Kristallpalast

von Oliver Plaschka, Feder & Schwert 2010

Co-Autoren: Alexander Flory, Matthias Mösch

Wie vor langer Zeit versprochen, habe ich Oliver Plaschkas Roman "Der Kristallpalast" eine Rezension gewidmet. An mein Rezensionsexemplar (mit exklusiver illustrierter Widmung) gelangte ich im Zuge von Olivers Bilderrätsel auf dem Cover von "Das öde Land", das ich mit Ach und Krach als erster löste.

Die ganze Geschichte findest du in meinem Blog "Rätselhafte Schatten".

 

Inzwischen ist Oliver Plaschka eine feste Größe auf dem deutschen Buchmarkt; sein neuer Roman "Marco Polo: Bis an Ende der Welt" erscheint im November bei Droemer.

 

Oliver Plaschka schreibt nicht, wie Schreibratgeber es heutzutage nahelegen - in einfacher, unmittelbarer Sprache, ganz nah an jenem Teil des Gehirns, der das gelesene Wort in Kopfkino umwandelt -, sondern geradezu schwelgerisch literarisch, der sprachlichen Schönheit verpflichtet, ohne in selbstverliebte Effekthascherei abzugleiten. Er schreibt nicht nicht für den Leser mit der kurzen Aufmerksamkeitsspanne, sondern für Genießer und Träumer.

Der Vollständigkeit halber erwähne ich, dass es von Oliver Plaschka auch routinierte Unterhaltungsliteratur gibt (er gehört zum Autorenstamm der Science-Fiction-Serie Perry Rhodan NEO), aber hier geht es um einen seiner Klassiker: "Der Kristallpalast", eine Co-Produktion mit Alexander Flory und Matthias Mösch, die am Exposé und der Ausarbeitung der Protagonisten mitwirkten.

 

Die Handlung entspannt sich um die Eröffnung der ersten Weltausstellung in London im Jahre 1851. Dort kreuzen sich die Wege dreier ungewöhnlicher Menschen, wie sie verschiedener nicht sein könnten.

Die indische "Geheimagentin" Miss Niobe ist ihrem väterlichen Mentor Lord Bailey verpflichtet, hinter dem eine obskure Loge steht. Captain Sokrates Royle gehört einer geheimen militärischen Abteilung der britischen Krone an, in der man augenzwinkernd einen Vorläufer des MI5 erkennen kann. Und der niederländische Ingenieur Frans Ovenhart dient Herren, die in Bleisärgen und Salzfässern zu reisen belieben. Allen drei ist gemein, dass sie auf die Kräfte geheimnisvoller Kristalle zurückgreifen, die ihnen übermenschliche Fähigkeiten verleihen, und über technische Gimmicks verfügen, die Nikola Tesla in Erstaunen versetzt hätten.

Hinzu kommt, gewissermaßen als vierte Handlungsebene, das Tagebuch des Major Samuel Blackwell, der vierundzwanzig Jahre vor der Handlungszeit im Dschungel Südostasiens nach einer verschollenen Expedition und der Herkunft rätselhafter Artefakte forscht.

Der Mord an einem Mitglied von Lord Baileys Loge ist der Ausgangspunkt einer spannenden (und manchmal verwirrenden) Spurensuche durch das viktorianische London, bei der sich historische Ereignisse mit Steampunk-Elementen und exotischer Magie vermischen. Was verbirgt sich tatsächlich hinter dem Kristallpalast, dem architektonischen Glanzstück der Weltausstellung?

Am Ende müssen die Helden eine schwere Entscheidung treffen: zwischen der Loyalität zu ihren Auftraggebern und der individuellen Verantwortung, die das Wissen um die wahren Hintergründe ihrer Missionen mit sich bringt.

 

Ich gebe zu, meistens zu den Lesern mit der kurzen Aufmerksamkeitsspanne zu gehören, da meine Lesezeiten stark fragmentiert sind und oft damit enden, dass ich spät abends über einem Buch einschlafe.

Das erschwerte mir das Eintauchen (und Zurückfinden) in den Roman. Doch ein wenig Hartnäckigkeit zahlt sich beim "Kristallpalast" aus: Immer wieder gibt es sprachliche Höhenflüge, die Oliver Plaschka scheinbar in einem Zustand höchster Luzidität aufs Papier gezaubert hat. Wenn zum Beispiel auf Seite 90 ein Blutstropfen auf die regennasse Straße fällt, klingt das bei Plaschka so: "Das Blut wird sichtbar, als es zu Boden tropft, und zerrinnt in den Pfützen wie Farbe im Terpentin eines Malers. Dort kreiselt es sich ein, Schneckenhäuser in den Gezeitentümpeln des Straßenrands, dann pflügt das eilige Rad einer Kalesche hindurch."

Diese Szene, eine Verfolgungsjagd zwischen Niobe und Frans, liest sich wie eine Traumsequenz, eine gleichermaßen zeitlupenhafte wie dynamische Kamerafahrt durch eine detailverliebt ausgestattete Straßenkulisse. Ab dieser Stelle war ich infiziert. Die eine oder andere Länge konnte ich dem Buch danach verzeihen.

Ganz anders habe ich das Tagebuch Blackwells erlebt: Hier überwiegt das Gefühl einer ständigen, latenten Bedrohung, die wir aus Filmen wie "Predator" kennen. Zermürbendes Wetter, Erschöpfung, Wahnsinn, grausame Geheimnisse ... Dieser Teil des Romans ist durchaus gruselig, bringt aber auch eine gute Portion sense of wonder mit. Ich hab's genossen.

 

"Der Kristallpalast" ist nichts für Wortpuristen und Ungeduldige. Er ist aber auf jeden Fall ein Genuss für aufmerksame Leser und die Liebhaber geschickt verschachtelter Geheimnisse. Für mich war der Roman in seiner teils altmodischen, teils verpielten Sprache eine angenehme Abwechslung vom Mainstream, mit einem faszinierenden, gut recherchierten Setting und interessanten Protagonisten.

Eine klare Leseempfehlung!

 

Mehr auf Oliver Plaschkas Autorenseite The Rainlights Gazette

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